Deutscher Jiu Jitsu Bund

Die japanische Kirschblüte (jap. Sakura) ist untrennbar mit der japanischen Kultur verbunden. Sie wird unter anderem assoziiert mit Schönheit und Aufbruch, aber auch mit Vergänglichkeit. Die Blütezeit der Kirschblüten in Japan reicht von Mitte März bis Anfang Mai.
Das alljährliche japanische Kirschblüten-Fest (Hanami) – in dem für gut zehn Tage die Kirschen vor Ort in Blüte stehen – ist in Japan das zentrale, und doch wandernde Ereignis, welches mit gebotener zeitlicher Verzögerung in ganz Japan gefeiert wird. So genannte Kirschblüten Prognosen oder Kirschblüten-Kalender sollen (nicht nur Japan) im Voraus Auskunft über die ungefähre Knospen-Öffnung und den ungefähren Höhepunkt des Blütenstandes geben. Sie spiegeln den kulturellen Stellenwert der Kirschblüte und des gesamten Ereignisses für die japanische Kultur und die Identität Japans wider.
 

Traditionelle japanische Gärten in Deutschland – in denen die japanische Kirsche nicht fehlen darf – begeistern durch ihre Schönheit und Harmonie. Sie sind Orte der japanischen Gartenkunst. Sakura folgen keinem Auftrag, tragen keine für den Menschen nutzbaren Früchte und werden auch nicht "geerntet". Jede Blüte ein Unikat als Meisterwerk der Natur. Zusammen ein Blütenmeer. Sie sind überdies ohne Zweck, Ziel und praktischen Nutzen. Reine Ästhetik.

Nach Wochen stetigen Reifens steht die Kirschblüte nur kurze Zeit in voller Blüte und höchster Schönheit, um dann unumkehrbar zu Boden zu gleiten; Sakura gab damit auch den Samurai im übertragenem Sinn ein Beispiel für ein Abgleiten vom Leben und für einen jungen und zugleich würdigen Tod. Sie schärft aber auch den Blick für den Wert des Moments im Hier und Jetzt und das Sein an sich. – Und je mehr man sich mit Sakura beschäftigt, desto dichter wird das Netzwerk aus Deutungen, Hintergründen und Auslegungsmöglichkeiten. – Lange bevor ich mit meinen beiden Passionen: Kampfkunst und Motorradfahren beginnen konnte, durfte ich im Frühjahr die Blütenpracht einer japanischen Kirsche im Garten meiner Großeltern in Essen auf Art und Weise eines Kindes – leicht, unbeschwert und ungeformt – erleben.

Die japanische Kirsche war groß und mächtig und weit und breit der einzige Baum ihrer Art. Ihre strahlenden Blüten zogen mich ebenfalls in den Bann, auch wenn ich nicht verstehen konnte, dass "mein" Kirschbaum im Gegensatz zum Kirschbaum auf dem Grundstück gegenüber leider keine Früchte getragen hat. Zu der "Einzigartigkeit" dieser wenigen alljährlichen Momente meiner Kindheit gehörte auch, dass ich der Einzige war, der sich über den "Schnee" aus Blüten – halb auf der Wiese im Garten, halb jenseits des Gartenzauns auf der Straße – freuen konnte. Ihr mächtiger Stamm wich vor gut einem halben Jahrhundert starken Mauern. Das Kind vergaß.
 


Der Jugendliche begab sich ein Jahrzehnt weiter auf den Weg und begann mit dem Jiu Jitsu. Nachdem sich das Streben nach "Unbesiegbarkeit" nach und nach legen durfte, setzte man sich mit der Kultur Japans auseinander, versuchte natürlich auch "Japaner" oder "Samurai" zu werden. Auf diesem Weg, der wohl auch Teil des Wegs sein muss, kehrte meine japanische Kirsche als Sakura wieder ins Gedächtnis zurück.
Mittlerweile hatte die japanische Kultur – über die Begeisterung für japanische Kampfkünste hinaus – immer mehr Interesse gefunden, was sich nicht nur in Autos, Motorrädern oder Technik seinen Widerhall fand, sondern auch hinsichtlich des Kirschblütenfestes (Hanami) und auch mit Blick auf japanische Gartenanlagen.

Ende der 80er-Jahre stiftete der Japaner Tadashi Nakamura, ein Nachfahre berühmter Samurai und selbst passionierter Ruderer, welcher lange Zeit in Essen lebten, die unzähligen Kirschbäume, welche die Rüttenscheider Straße (RÜ) in Essen seitdem zieren und auszeichnen. Zu seiner Zeit in Essen gehört auch, dass er freundschaftliche Beziehungen zu einem bekannten Ruderklub unterhielt, der seinen Sitz am Baldeneysee hat. Bemerkenswert ist, dass ich – vermutlich zu der Zeit, in der es einen regen rudersportlichen Austausch zwischen Essen und Tokyo gab, als Essener Schüler hier meinen Rudersportunterricht erhielt.
So ist es wohl, wenn sich manche Mosaiksteinchen des Lebens nach und nach zu einem Ganzen fügen. Und Wurzeln schlagen. Menschen und Bäume. Doch nie wieder wird die Blütenpracht auf dem Boden diese natürliche und vielleicht naive Wirkung auf mich haben. Aber dennoch werde ich die Schönheit der Kirschblüte im Hier und Jetzt achten und die wunderbaren Erinnerungen an meinen vergangenen Baum mit seinem Blütenmeer am Boden pflegen. Sie gehören zusammen. In meinem Garten ist noch Platz für eine japanische Kirsche.

Text: Volker Schwarz
Bild: Andreas Dolny