Wenn die erste Hälfte des Jahres fast verstrichen ist, wird es Zeit für die
erste von zwei Danprüfungen, die der Deutsche Jiu Jitsu Bund (DJJB) jedes Jahr
ausrichtet. Diesmal fiel der Tag der Prüfung auf den 27. Juni 2010. Ein Datum,
welches von allen Prüflingen im Kalender dick rot angestrichen wurde. Ein
Zeitpunkt, bis zu dessen Morgen die Spannung und Nervosität immer mehr zunahm,
denn es war Prüfungstag.
Der 27. Juni ist uns auch als der Siebenschläfertag bekannt. Nach einer alten
Bauernregel wird das Wetter der folgenden sieben Wochen an diesem Tag bestimmt.
Somit sollte sich zeigen, ob dieser Tag für die Prüflinge auch in symbolischer
Hinsicht zum „Sonnentag“ werden sollte. Durch die Vielzahl an Prüflingen mussten
zwei Prüfungskommissionen gebildet werden. Trotz dieser „Arbeitsteilung“ sollte
die interessante Prüfung mehrere Stunden dauern, wobei das Prüfungsspektrum vom
1. Kyu Jiu Jitsu (Braungurt III. Streifen) über den 1. Dan Jiu Jitsu bis zum 4.
Dan Jiu Jitsu reichte.


An Tisch 1 hatten Dieter Mäß (7. Dan Jiu Jitsu), Harald Westrich (5. Dan Jiu
Jitsu) und Michele Colonna (3. Dan Jiu Jitsu) die Aufgabe, den angetretenen
Jiu-Jitsuka die Prüfungen im Jiu Jitsu abzunehmen. In der zweiten
Prüfungskommission an Tisch 2 hatten sich Dieter Lösgen (10. Dan Jiu Jitsu,
Bundestrainer), Josef Djakovic (7. Dan Jiu Jitsu, Erster Vorsitzender
KID/DJJB) und Dirk Lunnemann (4. Dan Jiu Jitsu) zusammengefunden, um die
angetretenen Jiu-Jitsuka auf „Herz und Niere“ zu prüfen.
Die Prüfung begann jeweils mit Kata. Noch mit zittrigen Schritten und
klopfenden Herzen betraten Tori und Uke die Matte. Beide sind während der
gesamten Prüfung ein eingeschworenes Paar. Der Erfolg des Einen ist zugleich
auch der Erfolg des Anderen. Welche Gedanken gehen Tori und Uke durch den
Kopf? – „Stimmt die Reihenfolge…?“, „Gestern haben wir die Technik
umgestellt…“ und „Hoffentlich klappt alles…“ – Mit dem ersten beherzten
Schritt auf die Matte sind alle diese Überlegungen vergessen.
Eine angenehme Leere nimmt Raum im Kopf ein und blendet Prüfungskomitee,
Zuschauer und die Videokameras der Angehörigen und Zuschauer schlagartig
aus. Man ist in der Situation ganz auf sich, seinen Partner und sein
Körpergedächtnis konzentriert. Der Atem fließt langsam und gleichmäßig. – Es
ist die Ruhe vor dem Sturm. Zumindest in den ersten Augenblicken der Prüfung
ist sie da, denn das Prüfungsprogramm soll nicht nur eine technische
Herausforderung für den Prüfling sein, sondern gleichsam auch eine
konditionelle. Trotz der großen Anspannung fließt das Programm dann wie ein
Film ab. Der Film könnte auch die gemeinsame Besteigung eines Berges sein:
Zu guter Letzt stehen Tori und Uke auf dem Gipfel und sehen, wofür sie
gearbeitet haben. In diesem Moment wird es beiden bewusst. Der betreuende
Lehrer weist den Weg, gegangen wird er allerdings vom Prüfling… in
Begleitung seines Partners.

Der Schritt von der Matte herunter fällt dem Prüfling dann leicht.
Schließlich ist die „Prüfungslast“ von seinen Schultern genommen. Natürlich
darf jeder Prüfungserfolg nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Erlernen
und Darstellen der Techniken nicht eine einmalige Angelegenheit ist, sondern
in einem permanent wirkenden Prozess von Üben, Korrigieren (korrigiert
werden), Verbessern und Praktizieren eingebettet sein muss, um den
Stillstand der Entwicklung bei der Beschreitung des Weges DO zu vermeiden.
Wenn man sich in Europa umschaut, stellt man fest, dass wir mit dem Mont
Blanc („Weißer Berg“) mit seinen 4.807 Metern Höhe „nur“ einen
„Fast-Fünftausender“ haben. Symbolisch passt dies aber sehr gut zum
Gürtelsystem des DJJB, denn es können reguläre Prüfungen bis zum fünften Dan
Jiu Jitsu absolviert werden. Darüber hinaus werden die Gürtelgrade für
besondere Leistung und Wirken bis zum 10. Dan Jiu Jitsu vergeben.
Wie es bei den hohen Bergen ist, so verhält es sich auch mit den hohen
Dangraden: Die Luft wird dünner. Dieser Gedanke lässt Raum für einen Blick
zum Mount Everest mit seinen 8.848 Metern oder – der Weg ist das Ziel… – zum
Olympus
Mons („Berg Olymp“ [auf dem Mars]), der mit seinen schier
unbegreiflichen 26.400 Metern Höhe der höchste und größte bekannte Berg in
unserem Sonnensystem ist. Apropos Sonne: Man wächst mit den Anforderungen
und mit neuen Zielsetzungen. Was heute „unmöglich“ ist, wird möglicherweise
morgen schon Wirklichkeit und in einem ganz anderem Licht betrachtet. Nach
Stunden der Anstrengung, nachdem Kata, Prüfungsprogramm, „Kreis“ und Theorie
erfolgreich durchlaufen waren, hieß es: „Die Prüfung im Jiu Jitsu haben
bestanden:“
Im Verlauf der Danprüfungen, die im Dojo des TBF Bushido Essen stattfanden, sahen Zuschauer, Prüflinge und Prüfer überzeugende Leistungen und interessante Darbietungen des Jiu Jitsu. Der „Siebenschläfer“ zeigte sich an diesem wunderbaren Sonn(en)tag von seiner besten Seite, sodass nach „getaner Arbeit“ und Heimfahrt nahtlos ins Feiern unter freiem Himmel übergegangen werden konnte, ob beim Grillen, beim Public Viewing oder bei beidem... Der DJJB gratuliert allen Prüflingen zur erbrachten Leistung und wünscht ihnen für den weiteren Weg alles Gute.

Text: Volker Schwarz & Andreas Dolny
Bilder: Bernd Kampmann, Volker Schwarz